Sozialbericht NRW zeigt: viele Menschen sind und bleiben ausgegrenzt.

28.06.2016

Ausgrenzung hat viele Facetten – das zeigen die Wohlfahrtsverbände in ihrem Kapitel „Armen eine Stimme geben“

Der vorgelegte Sozialbericht zeigt, trotz verschiedener Förderprogramme hat sich in den letzten 10 Jahren an der Armutssituation in NRW wenig geändert. Die Zahl armer Alleinerziehender ist konstant hoch geblieben, die Anzahl derjenigen, die im Alter arm sind, steigt.  Die Mitgliederversammlung der Freien Wohlfahrtspflege NRW problematisiert, dass 16,2 Prozent der Menschen in NRW aufgrund von Armut vom „normalen Leben“ ausgrenzt sind.

„Armut ist kein Zufall. Armut ist nicht naturgegeben oder individuelles Einzelversagen, sondern ein gesellschaftliches Phänomen, das durch strukturelle und gesetzliche Rahmenbedingungen verschärft oder entschärft werden kann“ sagt Andreas Johnsen, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW. In ihrem Kapitel zum  Sozialbericht gibt die Freie Wohlfahrtspflege den Betroffenen selbst das Wort.  Soziale Ausgrenzung bei Gesundheit, Wohnen, Bildung und Teilhabe wird dargestellt und mit Fakten hinterlegt.

Dabei beschränkt sich die Freie Wohlfahrtspflege nicht auf die Darstellung sozialer Defizite, sie bietet Lösungswege:
Damit Arme aufgrund der Deckelung der Kosten für Unterkunft und Heizung nicht in Bezirke mit schlechter Wohnsubstanz, ungenügenden Verkehrsanbindungen, wenig Ärzten, Kinderbetreuungsmöglichkeiten und weiterbildenden Schulen gedrängt werden, muss der soziale Wohnungsbau intensiviert werden. Die Sozialplanung muss das Abhängen ganzer Straßenzüge oder Stadtteile verhindern. Die Kosten der Unterkunft für Menschen im SGB II und XII sind bedarfsgerecht zu berechnen.

Die Armut von Kindern und Jugendlichen hat sich auf hohem Niveau eingependelt. Jedes fünfte Kind in NRW ist arm und das unverändert seit 2006. Arme Kinder erreichen seltener das Abitur. Sogar ihr Gesundheits- und Ernährungszustand ist im Durchschnitt schlechter. Hier fordert die Freie Wohlfahrtspflege mehr in die schulische Bildung zu investieren und damit das Schulgesetz des Landes umzusetzen.

Die Qualität und Ausstattung von Bildungseinrichtungen darf nicht den freiwilligen Leistungen der Kommunen überlassen bleiben und auch die Offenen Ganztagsschulen müssen landesweit die gleichen hohen Standards erfüllen. Der Bund muss aufgefordert werden, dass die Regelsätze für Kinder und Jugendliche nach deren Bedarfen berechnet werden, so dass das bürokratische Bildungs- und Teilhabepaket abgebaut werden kann.

Dr. Frank-Johannes Hensel, Vorsitzender des Arbeitsausschusses Armut und Sozialberichterstattung der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist überzeugt: „Die Überwindung von Strukturen, die Armut befördern oder verursachen ist möglich. Gemeinsam wollen wir nicht nur den Armen eine Stimme geben, sondern uns stark machen für die Teilhabe aller Menschen in NRW.“

 

Hintergrund:
Der Sozialbericht des Landes NRW gehört seit 1992 zur etablierten Armutsberichtserstattung der Landesregierung und ist von allen Parteien anerkannt. Seit 2007 nimmt die Freie Wohlfahrtspflege die Gelegenheit wahr, Armut aus einer anderen Perspektive – der Lebenspraxis der Menschen die in Armut leben – darzustellen.
Der Berichtsteil „Armen eine Stimme geben“ ist als Broschüre und zum download über www.freiewohlfahrtspflege-nrw.de zu beziehen.
Begleitend sind zwei Filmberichte Betroffener erschienen sowie in Zusammenarbeit mit der Armutskonferenz eine simple-show zum Thema „Was ist Armut“ https://www.youtube.com/user/WohlfahrtspflegeNRW.
Ziel der Veröffentlichungen ist, die Ursachen von Armut und sozialer Ausgrenzung zu verdeutlichen und auf Lösungen hinzuwirken.