Die Strippenzieher in Brüssel

Wie wichtig die 60 Jahre alte Dame EU besonders auch für die Soziale Arbeit ist, lernte jetzt die 22 Frauen und Männer starke Delegation des Langzeitarbeitslosen-Projekts „Schritt für Schritt“ bei einer Reise in die belgische Hauptstadt kennen.

Bericht von Marco Eschenbach

Ludwig aus Herford kennt sich mit Arbeitslosigkeit aus. Mit der eigenen, aber vor allem auch mit der anderer Menschen. Welche schwierigen Hürden aber Langzeitarbeitslose in Belgien meistern müssen, das war ihm völlig neu. Das erfahren er und die übrigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes „Schritt für Schritt“ - gefördert aus dem Europäischen Sozialfonds - gerade auf ihrer Brüssel-Reise  im Gespräch mit Vertretern des belgischen Armutsnetzwerkes. „Stütze über Gewerkschaften beantragen: Das ist ja irre! Die haben es ja noch schwerer als wir in Deutschland, Hilfe zu bekommen“, wirft Ludwig in die Runde. „Bis die bei den Bedürftigen ankommt, müssen die Menschen vieles auf sich nehmen“, sagt er und krault nachdenklich seinen Bart.

Wie gesagt: Ludwig weiß, wovon er spricht. Er und die anderen, die heute in der Pause auf dem Bürgersteig vor dem Brüsseler Hauptquartier des Armennetzwerkes stehen, haben am eigenen Leib erfahren, was solche Zeiten bedeuten können. Denn sie waren lange selbst von Arbeitslosigkeit betroffen. Im Moment haben sie die schlimmste Zeit wohl zum Glück erst einmal hinter sich. Die allermeisten gehen einem geregelten Tagesablauf nach und helfen zu Hause in Deutschland als ehrenamtliche Lotsen denjenigen Menschen, die mit der Langzeitarbeitslosigkeit und den vielen Begleiterscheinungen zu kämpfen haben – genau wie sie damals.

Nach der Pause, als das Gespräch mit den belgischen Mitstreitern für soziale Gerechtigkeit in Brüssel in die zweite Hälfte geht, wird Ludwig und allen Beteiligten schnell klar: Ob hier oder dort, im Kampf gegen Armut sind in Europa alle gleich. Es darf keine Grenzen geben: „Wer nichts probiert, erreicht nichts. Aber die Welt steht uns offen - wir müssen nur alle zusammen etwas daraus machen!“, bringt es Lotsin Krystyna aus Solingen am Mikrofon im kirchenähnlichen Saal der christlichen Gewerkschaft kämpferisch auf den Punkt.

Politische Ziele im Blickpunkt

Welche wichtige Bedeutung der bewährte Staatenbund zwischen Schweden und Griechenland, Irland und Polen für die Soziale Arbeit hat, wurde der „Schritt für Schritt“-Delegation auch bei den anderen Stationen der Brüssel-Reise deutlich. Ganz zu Beginn stand die Europaarbeit der Caritas im Vordergrund. Stephan Schwerdtfeger, Referent in der Brüsseler Hauptvertretung des Deutschen Caritasverbandes, rückte vor allem die Wichtigkeit der Europäischen Lobbyarbeit in den Fokus: Wie werden am besten die Anliegen der Caritas vertreten, wie können wir Entscheidungen beeinflussen? Erfüllen die eingereichten Gesetzesvorlagen den eigenen Anforderungen? Wo müssen politische Hebel angesetzt werden? „Diese Fragen bestimmen unseren Alltag hier in Brüssel, weil sie natürlich auch immer Auswirkungen auf die Arbeit unserer Einrichtungen vor Ort haben“, macht Schwerdtfeger klar.

Dass die immer weiter fortschreitende Armut viele EU-Bürger in die Verzweiflung treibt, weiß Elke Vandermeerschen vom Europäischen Armutsnetzwerkes EAPN, die bei ihrem Vortrag den Gästen aus Deutschland die immense Dimension dieser Entwicklung erklärte. Laut Statistiken sind derzeit in den 28 EU-Mitgliedsstaaten rund 122 Millionen Menschen – und damit jeder Vierte - von Armut betroffen, oder hatten bereits einmal damit zu tun. Eine europäische Politik sei jetzt gefragt, die ohne Kompromisse diesen Missstand bekämpfe. Davon ist Vandermeerschen fest überzeugt: „Obwohl wir in verschiedenen Ländern leben, müssen wir mit unseren gemeinsamen Werten ein gemeinsames Ziel verfolgen: Es dürfen in Zukunft so wenig Menschen wie möglich in Armut leben!“

Wichtig: eine langfristige Förderung

Dieses Ziel hat auch die EU im Sinn. Der Europäische Sozialfonds (ESF) ist dabei ein wichtiges Instrument zur Förderung von mehr Arbeit in Europa. Er soll die Beschäftigungschancen durch Ausbildung und Qualifizierung vorantreiben und zum Abbau von Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt beitragen. In Deutschland erhalten derzeit Bund und Länder über einen Zeitraum von sechs Jahren (2014 – 2020) ESF-Mittel in Höhe von 7,5 Milliarden Euro – zum Beispiel für soziale Projekte wie „Schritt für Schritt: „Gerade hier ist unser Hauptanliegen, den Betroffenen eine zweite Chance für eine Rückkehr in die Gesellschaft zu geben“, erklärt Dr. Carsten Glietsch aus der ESF-Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Integration der deutschen Delegation. Dieser brannte im weiteren Gesprächsverlauf aber vor allem eine Frage unter den Nägeln: Wie sieht die Zukunft von „Schritt für Schritt“ aus? Hier hatte der ESF dann richtig gute Nachrichten mitgebracht: „Schritt für Schritt – Brücken bauen“ wird auch in den kommenden zwei Jahren fortgesetzt.

Streiter für das Gute

Für bessere politische Rahmenbedingungen und noch mehr Unterstützung für sozial benachteiligte Menschen möchte sich Terry Reintke einsetzen, die sich am zweiten Tag viel Zeit nahm, den Gästen aus ihrer Heimat NRW in den Heiligen Hallen der EU die politischen Hintergründe der europäischen Politik zu erklären. Die deutsche Grünen-Politikerin setzt sich seit drei Jahren im Brüsseler EU-Parlament für gerechte Sozialpolitik ein. Sie habe in dieser Zeit bereits die gesamte Bandbreite politischer Möglichkeiten, aber auch Grenzen erfahren, erzählt die junge Frau aus Gelsenkirchen, die trotz dieser einschlägiger Erfahrungen erstaunlich viel ansteckenden Eifer und Elan an den Tag legt: „Du kannst hier in Brüssel viel Gutes für die Menschen in Europa in die Wege leiten“, sagt Reintke. Aber genauso oft stehe man sich wegen der unterschiedlichen Splitterinteressen der vielen Länder gegenseitig im Wege. Dagegen möchte sie auch in Zukunft angehen: „Weniger Kleinkram und mehr kluge Entscheidungen, das ist mein Ziel!“

Die Gesellschaft positiv verändern

Für Michaela Hofmann, Armutsexpertin beim Kölner Diözesan-Caritasverband und Organisatorin der Brüssel-Reise, ist das Pilotprojekt „Schritt für Schritt“ jedenfalls schon einmal eine richtig kluge Entscheidung aller Beteiligten. Denn dabei gehe es vor allem um eine Sache: den Betroffenen zu mehr sozialer Teilhabe zu verhelfen. Und das hat bisher bestens geklappt, erzählt Hofmann: „Die Erfahrungen haben gezeigt: Wollen wir den Betroffenen helfen und damit für eine ebenbürtige Gesellschaft kämpfen, geht das nur mit dauerhaften Projekten, die Schritt für Schritt die Menschen qualifizieren, aber auch wieder Mut geben, einen Weg zurück in die Gesellschaft zu finden“.

Übrigens: Lotse Ludwig ist hierfür das beste Beispiel. Er hilft bei „Schritt für Schritt“ in Herford nicht nur von Armut betroffenen Familien beim Ausfüllen von Anträgen und Bescheiden oder anderen alltäglichen Hürden. Sondern er hilft damit jedes Mal immer auch ein Stückchen sich selbst. Und genau so war das Projekt erdacht: „Seitdem ich Lotse bin, gehe wieder auf andere zu. Ich traue mir mehr zu und habe viel mehr Vertrauen in das, was ich kann“

Gegen Armut und soziale Ausgrenzung: Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der freien Wohlfahrtspflege NRW startete 2015 das erst auf drei Jahre angelegte und jetzt für zwei Jahre verlängerte Pilotprojekt „Schritt für Schritt – Brücken bauen“ an den Standorten Herford, Gronau, Oberhausen, Solingen und Langenfeld. Das Projekt wird durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert und durch das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt. Ziel ist es, mit Hilfe von sogenannten Lotsen und Coaches die soziale Teilhabe von erwerbslosen Menschen und deren Familien zu fördern. Die Lotsen sind dabei „Experten in eigener Sache“ und leisten wichtige Hilfe zur Selbsthilfe bei den Betroffenen. Die Coaches fungieren dabei als qualifizierte pädagogische Begleitung.

Das bewegt und bewegen die „Schritt für Schritt“-Lotsen!

Wolfgang und Martin aus Solingen: Von den EU-Politikern wollten wir einmal wissen: Sind 9-seitige Evaluationsbögen für die Erfassung unserer Lotsen-Tätigkeit wirklich notwendig? Das sollen die uns hier mal beantworten!“

Detlef aus Langenfeld: „Ich habe mich damals selbst über Unterstützung gefreut. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, dass ich jetzt auch Anderen helfe! Ich bin seit Beginn an dabei“

Miriam aus Herford: „Ich finde es richtig klasse, dass wir hier endlich alle mal zusammenkommen. So klappt der Austausch und das Netzwerken in Zukunft noch besser. Gerade bei unserem Gartenprojekt ist das doppelt wichtig, um auch auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen“

Ludwig aus Herford: „Ganz ehrlich? Ich freue mich, während dieser Fahrt endlich auch wieder mal raus zu kommen“

Krystyna aus Solingen: „Mich interessiert, was die Politik und die ganzen Organisationen hier alle machen. So lernen die mal uns aus den Einrichtungen vor Ort kennen und wir können denen auch einmal auf die Finger schauen!“